Warum RECOVER?

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Warum RECOVER?2018-09-23T13:50:25+00:00

Psychische Erkrankungen verursachen eine enorme Belastung für Betroffene, Familien auf der einen und Gesundheitssysteme, Wirtschaft und Gesellschaft auf der anderen Seite.

20 % der Bevölkerung sind innerhalb eines Jahres von
mindestens einer relevanten psychischen Erkrankung
betroffen. 9-12 % sind leicht, 4-6 % mittelgradig und 2-3 %
schwer erkrankt. 1-2 % leiden unter einer schweren
psychischen Erkrankung.

Hohe Anzahl von Betroffenen

Psychische Erkrankungen verursachen Kosten in der
Höhe von 3% bis 4 % des Bruttoinlandsprodukts.
In Deutschland waren es 2014 etwa 88 bis 117 Milliarden
Euro, davon allein 13 Milliarden Euro Kosten durch
Arbeitsunfähigkeit.

Hohe und steigende Kosten

Die AGENDA 2020 zur „Unterstützung und Versorgung
für psychisch kranke Menschen und ihre Familien im
21. Jahrhundert“, gefordert vom Bundesverband der
Angehörigen psychisch Kranker ist bis heute größten­
teils nicht umgesetzt.

Hohe Unzufriedenheit bei
Betroffenen und Angehörigen

Psychische Erkrankungen betreffen
die gesamte Bevölkerung

Allein innerhalb eines Jahres sind etwa 20 % der Bevölkerung von mindestens einer relevanten psychischen Erkrankung betroffen. In Deutschland sind das etwa 15 Millionen Menschen.

Man schätzt, dass 9 bis 12 % der Betroffenen leicht, 4 bis 6 % mittelgradig und 2 bis 3 % schwer erkrankt sind. Etwa die Hälfte der schwer Erkrankten sind so krank, dass sie langfristig Schwierigkeiten in ihrem sozialen und beruflichen Leben haben.

Die Schweregrad-Pyramide psychischer Erkrankungen

Folgen und Kosten

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisation for Economic Co-operation and Development, OECD) veröffentlichte 2014 einen Report „Making mental health count – the Social and Economic Costs of Neglecting Mental Health Care“. Darin fasst sie die Folgen und Kosten psychischer Erkrankungen, den Stand der Entwicklung der Versorgungssysteme in den OECD-Ländern sowie wirksame Entwicklungsmöglichkeiten zusammen.

Laut dem OECD-Report erhalten lediglich 40 % der Betroffenen überhaupt eine Behandlung. Hinzu kommt das Problem, dass psychische Erkrankungen vermehrt bei ärmeren Bevölkerungsschichten vorkommen. Die dadurch verursachten direkten und indirekten Kosten belaufen sich auf etwa 3 bis 4 % des Bruttoinlandsprodukts. Das waren 2014 in Deutschland etwa 88 bis 117 Milliarden Euro – Tendenz steigend.

Der Situation in Deutschland

Auch hierzulande wächst das psychiatrische und psychotherapeutische Versorgungssystem ständig. Im Gegensatz zu fast allen anderen europäischen Ländern hat Deutschland daher zwischen 2003 und 2014 die Anzahl der psychiatrischen Krankenhausbetten ausgebaut. Aktuell existieren 467 Kliniken und Fachabteilungen. Darüber hinaus gibt es immer mehr psychiatrische Institutsambulanzen und niedergelassene Psychotherapeuten. Doch dieser fortlaufende Ressourcenaufbau trägt laut Experten nicht zur Verbesserung der Versorgungsqualität bei. Der Grund: Es fehlt eine systematische Steuerung dieser Entwicklung.

Ein weiteres Problem ist, dass wir in Deutschland einer systematischen und evidenzbasierten Gesundheitsversorgung Jahrzehnte hinterherhängen. Es gibt weder Versorgungsmodelle zur Früherkennung von (schweren) psychischen Erkrankungen im jugendlichen und jungen Erwachsenenalter noch evidenzbasierte ambulante Behandlungsmodelle für schwere psychische Erkrankungen. Die Forderungen, die der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker in der AGENDA 2020 bezüglich „Unterstützung und Versorgung für psychisch kranke Menschen und ihre Familien im 21. Jahrhundert“ gestellt hat, sind bis heute größtenteils nicht umgesetzt.

Zwei Versorgungswelten

In der ambulanten Psychotherapie machen diese Patienten 90 bis 95 % aller Nutzer aus. Sie erhalten vor allem Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologische Psychotherapie. Gestufte Kurzzeiteinzeltherapien oder Gruppenpsychotherapien werden dagegen gar nicht oder nicht systematisch angeboten. Die hohe Zahl von Betroffenen führt zu langen Wartezeiten auf ambulante Therapien, was wiederum einen Rückstau im stationären und teilstationären Versorgungssystem zur Folge hat. Das verursacht deutlich höhere Kosten als eine ambulante Behandlung. Hinzu kommt, dass in Deutschland kaum therapieersetzende oder komplementäre e-Mental-Health-Angebote existieren. Und schließlich fehlen systematisch angebotene Interventionen zur Förderung der Ausbildungs- und (Re-)Arbeitsintegration (z.B. Supported Employment).

Schwer psychisch kranke Menschen im Nachteil

Gegenüber der großen Gruppe der leicht- bis mittelgradig Erkrankten sind schwer psychisch kranke Menschen im deutschen Versorgungsystem deutlich im Nachteil. Meist erkranken sie bereits in ihrer Jugend oder im jungem Erwachsenenalter und leiden vor allem unter Störungen aus dem schizophrenen Formenkreis, bipolaren Störungen oder Persönlichkeitsstörungen mit dauerhaften und schweren Funktionseinbußen. Diese Krankheiten sind vergleichsweise selten, haben aber ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf (≥ 60 %). In der ambulanten Psychotherapie machen sie lediglich 3 bis 5 % der Betroffenen aus. Auch verursachen sie kaum Arbeitsunfähigkeitstage, da sie nur selten berufstätig sind.

Der OECD-Report deckt auf, dass in Deutschland evidenzbasierte ambulante Versorgungsmodelle für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen nicht bzw. kaum umgesetzt werden. Weder sogenannte Early Intervention Services zur Früherkennung noch Crisis Resolution Teams zur stationsersetzenden ambulanten Krisenintervention oder Assertive Community Treatment für eine längerfristige Komplexbehandlung sind Teil unseres Gesundheitssystems. In anderen Länder sind derartige Behandlungsmodelle längst umgesetzt.

Die Konsequenzen sind schwerwiegend: Menschen mit schweren psychischen Störungen machen die Mehrzahl aller Zwangseinweisungen und psychiatrischen Notfälle aus, haben eine hohe Morbidität, verursachen immense Kosten und versterben durchschnittlich etwa 13 bis 30 Jahre früher als die Allgemeinbevölkerung.